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Das neue Verständnis von Pflegebedürftigkeit ist charakterisiert durch die Abkehr von einem an den 

Defiziten orientierten Bild des pflegebedürftigen Menschen und geprägt durch eine Sichtweise, die das 

Ausmaß der Selbständigkeit jedes pflegebedürftigen Menschen erkennbar macht. Mit dem NBA exis 

tiert dazu ein umfassender und pflegewissenschaftlich fundierter Begutachtungsansatz, mit dem Men 

schen mit Pflegebedarf anhand des jeweiligen Schweregrades ihrer Beeinträchtigungen in zukünftig fünf 

Pflegegrade (bisher: Bedarfsgrade)7 eingestuft werden können.   

Zentral für das neue Verständnis von Pflegebedürftigkeit und für die Einstufung mit dem NBA ist, dass 

das Ausmaß von Pflegebedürftigkeit nicht mehr anhand des Faktors „Zeit“ eingeschätzt wird. Denn der 

Faktor „Zeit“ ist nach pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen als Bemessungsgröße für das Ausmaß der 

im Einzelfall benötigten Hilfen nicht sachgerecht.8 Zudem bezieht sich der Faktor „Zeit“ gegenwärtig nur 

auf einen Teil der bei Pflegebedürftigkeit erforderlichen Hilfen, nämlich die Hilfen bei den in § 14 Abs. 4 

SGB XI genannten Alltagsverrichtungen in den Bereichen Mobilität, Ernährung, Körperpflege und haus 

wirtschaftliche Versorgung. Da diese Hilfebedarfe  bei Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen 

häufiger vorkommen und oft ausgeprägter sind als bei Menschen mit kognitiven oder psychischen Be 

einträchtigungen, erfasst der geltende Begriff der  Pflegebedürftigkeit den Hilfebedarf von Menschen 

ungleich und berücksichtigt vor allem den Hilfebedarf von Menschen mit kognitiven und psychischen 

Beeinträchtigungen (z.B. allgemeiner Beaufsichtigungsbedarf oder ständige Motivation) nach wie vor 

nicht angemessen. 

Durch das neue Verständnis von Pflegebedürftigkeit und das auf ihm basierende Neue Begutachtung 

sassessment können wesentliche Verbesserungen für die Pflegebedürftigen erzielt werden: 

    Gleichbehandlung von somatisch, kognitiv und psychisch beeinträchtigten Pflegebedürftigen 

    bei Begutachtung und Leistungszugang: Durch die Anknüpfung an den Grad der Selbständig 

    keit anstelle des Faktors "Zeit" ist es mit dem  NBA erstmals möglich, körperlich, und kognitiv 

    und psychisch beeinträchtigte Pflegebedürftige bei der Begutachtung und Einstufung gleich zu 

    behandeln.9  Welche Leistungen ein Pflegebedürftiger in Anspruch nehmen kann, hängt nicht 

    mehr davon ab, ob jemand somatisch, kognitiv oder psychisch beeinträchtigt ist. Pflegebedürfti 

    ge können grundsätzlich aus dem gleichen Leistungsangebot wählen und erhalten – abhängig 

    von ihrem Pflegegrad – den gleichen Leistungsbetrag. 

6 Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs (2009a), S. 70.

7 Vgl. zur Umbenennung Ziffer 3.1.7 in diesem Bericht.

8 Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs (2009a), S. 71.

9 Dass Personen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen mit dem NBA tendenziell höhere Pflegegrade und damit eine gegenüber

dem bisherigen Begutachtungsinstrument deutliche Besserstellung erfahren, wird über die differenziertere Auswertung der Fallanalysen (N = 

  Erhöhte Transparenz und geringerer Aufwand bei der Beantragung und Auswahl von Pflege 

    leistungen:  Für alle Antragsteller gibt es zukünftig nur noch ein einheitliches – statt zwei ver 

    schiedene – Begutachtungsverfahren. Da es keine Sonderleistungen für Personen mit einge 

    schränkter Alltagskompetenz mehr  geben wird, können Pflegebedürftige leichter überblicken, 

    welche Leistungsangebote dazu geeignet sind, sie in ihrer konkreten Pflegesituation zu unter 

    stützen.

    Umfassende Berücksichtigung aller für die Feststellung der Pflegebedürftigkeit relevanten 

     Kriterien bei der Begutachtung: Die Begutachtungskriterien des NBA sind zentral für die Ein 

    schätzung des Gesamtausmaßes der Abhängigkeit von personeller Hilfe.10 Im Vergleich zum ge 

    genwärtigen Verfahren erweitert sich das Verständnis von Pflegebedürftigkeit durch Ausweitung 

    der erfassten Bedarfslagen (insbesondere durch die Kriterien des Moduls 2 – kognitive und 

     kommunikative Fähigkeiten, des Moduls 3 – Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, 

    des Moduls 5 – Umgang mit krankheits und therapiebedingten Anforderungen und Belastun 

    gen sowie des Moduls 6 – Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte).11 

    Verbesserte Berücksichtigung der  Beeinträchtigungen von Kindern: Gerade durch die beson 

    ders wichtigen Module 2, 3 und 5 werden Bedarfslagen erfasst, die bei der heutigen Begutach 

    tung für die Pflegestufen größtenteils unberücksichtigt bleiben, für den Lebens und Versor 

    gungsalltag von pflegebedürftigen Kindern und ihren Eltern aber von besonderer Bedeutung 

    sind. Damit verbessert sich die Einstufung pflegebedürftiger Kinder mit einem leichten Trend zu 

    den "höheren" Stufen. So werden die meisten Kinder, die im bisherigen System keine Leistungen 

    erhalten, zukünftig mindestens in den Pflegegrad 2 eingestuft.12 

    Umfassendere     Informationserfassung     durch das  NBA   und  verbesserte   Unterstützung   der 

     Pflegeplanung: Das NBA leistet mit seiner umfassenden und differenzierten Erfassung der rele 

    vanten Aspekte von Pflegebedürftigkeit einen wichtigen Beitrag zum pflegerischen Assessment 

    im Rahmen des individuellen Pflegeprozesses,  ohne dass es dies ersetzen kann und will.13    Die 

     bereits umfassende und differenzierte Informationserfassung im Begutachtungsverfahren dient 

    den Pflegebedürftigen und unterstützt die Pflegekräfte in ihrer täglichen Arbeit. 

    Ausgangspunkt für eine personen und umfeldbezogene Weiterentwicklung der Leistungsges 

    taltung durch professionelle Leistungserbringer: Mit dem NBA wird der starke Verrichtungsbe 

    zug  des gegenwärtigen    Begutachtungsinstruments    und  der  gegenwärtigen    Leistungen  über 

10 Vgl. Wingenfeld, Büscher & Gansweid (2011), S. 21.

11 Wingenfeld & Gansweid (2013) haben dies anhand der Fallanalyse  (N = 48) von einzelnen charakteristischen Personengruppen erneut und

noch differenzierter als bisher gezeigt (S. 38). Auch viele spezielle Bedarfskonstellationen werden nach einer Sekundärdatenanalyse (N = 738)

mit dem NBA besser als bisher erfasst (S. 50, 54).

12 Wingenfeld & Gansweid (2013), S. 57, 59. Verwendet wurden in diesem Fall Daten aus der bundesweiten NBAErprobung (N = 227), vgl. S. 56.

Siehe in diesem Zusammenhang aber auch die Empfehlung des Expertenbeirats zur Einstufung von Kindern von 018 Monaten unter Ziffer

3.1.4.

13 Vgl. Wingenfeld, Büscher & Gansweid (2011), S. 23. 

wunden, so dass sich entsprechende Angebote zielgenauer auf die individuellen Bedarfslagen 

     ausrichten lassen.14 Auch das den Pflegebedürftigen unterstützende Umfeld kann besser berück 

     sichtigt werden: Beispielsweise erfordern die erstmalige Berücksichtigung von krankheits und 

     therapiebedingten Anforderungen im Modul 5 oder die Berücksichtigung der Gestaltung des All

     tagslebens und sozialer Kontakte im Modul 6 die (Weiter) Entwicklung von edukativen und be 

     ratenden pflegerischen Leistungen, um der in diesem Bereich festgestellten Bedürftigkeit ent 

     sprechen zu können.15 

    Verbesserte Erhebung präventions und rehabilitationsrelevanter Aspekte und verbessertes 

     Verfahren zur Abklärung der Rehabilitationsbedürftigkeit: Im Rahmen der zeitlich begrenzten 

     Begutachtung ist es zwar nicht immer möglich, alle Informationen zu erfassen, die für eine diffe 

     renzierte Rehabilitationsempfehlung erforderlich sind. Das NBA erfasst jedoch präventions und 

     rehabilitationsrelevante Aspekte besser und umfassender als das gegenwärtige Begutachtungs 

     verfahren. Dadurch erlaubt es eine stärkere Präventions und Rehabilitationsorientierung der 

     Leistungserbringung und erleichtert die Entscheidungsfindung im Rahmen des Verfahrens zur 

     Abklärung der Rehabilitationsbedürftigkeit.16 

    Modulare Struktur bietet größere Flexibilität bei der Weiterentwicklung des Sozialleistungs 

     systems: Wegen der inhaltlich abgegrenzten Erfassung von Teilbereichen kann die modulare 

     Struktur des NBA zur Zuordnung von Leistungsansprüchen zu verschiedenen Sozialleistungsträ 

     gern und bei der Gestaltung der Schnittstellen zu anderen Sozialleistungssystemen genutzt wer 

     den.17 

Durch die dargestellten Charakteristika eröffnen der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und das NBA neue 

Wege für eine qualitative Weiterentwicklung der pflegerischen Versorgung.18        Daher bietet der neue 

Pflegebedürftigkeitsbegriff nach Auffassung des Beirats 2009 die Chance, die zukünftigen Herausforde 

rungen im Gefolge der demografischen Veränderungen besser bewältigen zu können.19 Der Expertenbei 

rat zur konkreten Ausgestaltung des  neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs20       („Expertenbeirat“) bekräftigt 

diese Einschätzung und weist darauf hin, dass die mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff beabsich 

tigten Wirkungen auch für Weiterentwicklungen der Pflegeversicherung im Vergleich nach Einführung des neuen 

Pflegebedürftigkeitsbegriffs handlungsleitend bleiben müssen. 

14 Vgl. Wingenfeld, Büscher & Gansweid (2011), S. 178.

15 Vgl. Wingenfeld, Büscher & Gansweid (2011), S. 168.

16 Vgl. Wingenfeld, Büscher & Gansweid (2011), S. 23.

17 Vgl. Wingenfeld, Büscher & Gansweid (2011), S. 23.

18 Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs (2009b), S. 16, 3. Spiegelstrich.

19 Beirat zur Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs (2009b), S. 15.

20  Der Expertenbeirat hält die Grundlagen für die Schaffung eines  neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs  durch die Ergebnisse des Beirats 2009,

insbesondere bezüglich der Schaffung des Neuen Begutachtungsassessments, für bereits so weit konkretisiert, dass er sich für eine Klarstellung

in seiner Selbstbezeichnung entschieden hat und sich als „Expertenbeirat zur konkreten Ausgestaltung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs“

bezeichnet. 

 

Mit dem PflegeNeuausrichtungsGesetz (PNG)21    hat der Gesetzgeber bereits einen ersten Schritt zur 

Vorbereitung der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs getan. Im Vorgriff auf die Einfüh 

rung wurden insbesondere Sach und Geldleistungsbeträge für Personen mit eingeschränkter Alltags 

kompetenz auch ohne Vorliegen einer Pflegestufe eingeführt bzw. bei Vorliegen einer Pflegestufe er 

höht (§ 123 SGB XI) und es wurde die Möglichkeit geschaffen, pflegerische Betreuungsmaßnahmen in 

der häuslichen Versorgung auch über Sach und Geldleistungen in Anspruch zu nehmen (§ 124 SGB XI). 

Die Vorschriften der §§ 123, 124 SGB XI gelten nur bis zum Inkrafttreten eines Gesetzes zur Einführung 

eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs. Die Leistungen der Pflegeversicherung im Vergleich auf dem Stand des 

PflegeWeiterentwicklungsgesetzes22      (im  Folgenden  als  „PfWG“   abgekürzt)   waren  daher  rechtlicher 

Ausgangspunkt der Beratungen des  Expertenbeirats. Da zum Zeitpunkt der Einführung des neuen Pfle 

gebedürftigkeitsbegriffs die vorläufigen Leistungen des PNG in der Praxis etabliert sein werden, hat sich 

der Expertenbeirat darauf verständigt, das SGB XI in der Fassung des PNG als tatsächlichen Ausgangs 

punkt seiner Beratungen zu betrachten. 

Der Expertenbeirat betont, dass auch nach dem Inkrafttreten der Übergangsvorschriften der §§ 123, 124 

SGB XI   weiterhin  die Notwendigkeit  der Einführung  des  neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs   besteht. 

Denn die zusätzlich eingeführten Leistungen bzw.  Leistungserhöhungen und Flexibilisierungen wirken 

sich nur für bestimmte Gruppen von Pflegebedürftigen aus und führen nicht zu einer tatsächlichen 

Gleichbehandlung aller Pflegebedürftigen. Bestehende Gerechtigkeitslücken, insbesondere für kognitiv 

beeinträchtigte Menschen, z.B. Menschen mit demenziellen Erkrankungen, oder für psychisch beein 

trächtigte Menschen haben sich durch das PNG zwar  verringert, sind aber nicht geschlossen worden. 

Zudem erhöhen die mit dem PNG neu eingeführten Leistungen die Komplexität des Systems der leis 

tungsrechtlichen Ansprüche noch über das vorherige Maß hinaus. Aus diesem Grund sollte bei Einfüh 

rung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs auch das gegenwärtig komplexe System der leistungsrecht 

lichen Ansprüche vereinfacht werden, ohne infrastrukturelle Auswirkungen zu vernachlässigen. 

Aus den in diesem Kapitel genannten Gründen bekräftigt der Expertenbeirat die Notwendigkeit der Ein 

führung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und des Neuen Begutachtungsassessments als                     Grundlagen für eine Pflegeversicherung, die auf einem modernen, pflegewissenschaftlich fundierten und umfas 

senden Verständnis von Pflegebedürftigkeit beruht und in diesem Sinne weiterentwickelt werden kann. 

21 PflegeNeuausrichtungsGesetz vom 23. Oktober 2012, BGBl. 2012 Teil I, S. 2246 bis 2264.

22 PflegeWeiterentwicklungsgesetz vom 28. Mai 2008, BGBl. 2008 Teil I, S. 874 bis 906. 

Pflegeversicherung Beitragssatz